Das Organizing-Modell des Worker Centers »Somos un Pueblo Unido«

In einem Monat findet in Chicago die »Labor Notes Conference« statt. Die Konferenz ist die größte, jährliche Zusammenkunft von basisgewerkschaftlichen AktivistInnen und OrganizerInnen in den USA. Doch was bedeutet Organizing im US-Kontext heute? In einem kürzlich erschienen Beitrag der linken Gewerkschaftszeitung »Labor Notes« unter dem Titel »How to Beat Retaliation, Even without a Union« stellt Sonia Singh das Organizing-Modell des Worker Centers »Somos un Pueblo Unido« vor, das auch im Zentrum dieses Beitrages steht.

»Somos un Pueblo Unido« ist ein Worker Center in New Mexico. Durch die Basismobilisierung lokaler UnterstützerInnen und Lobbyarbeit hat »Somos un Pueblo Unido« in der Region Santa Fe einen existenzsichernden Mindestlohn, stärkere Maßnahmen gegen Lohnbetrug und ein Gesetz für den Erwerb eines Führerscheins (in den USA das wichtigste Alltagsdokument) unabhängig vom legalen Aufenthaltsstaus durchgesetzt. Trotz dieser Erfolge auf dem Papier, mussten die MitarbeiterInnen des Worker Centers feststellen, dass diese Rechte zwar auf dem Papier erkämpft wurden, in der Praxis jedoch nicht eingehalten werden. Worker Centers haben daher Organizing-Modelle entwickelt, um auch kleine Gruppen von ArbeitnehmerInnen zu unterstützen und so gegen Lohn- und Sozialdumping vorzugehen. Und das alles möglichst ohne größeren Repressalien seitens der ArbeitgeberInnen ausgesetzt zu sein.

Was sind Worker Centers?

Die ersten Worker Centers, »The Chinese Staff and Workers’ Association (CSWA)«, wurde von chinesischen Angestellten im Gastgewerbe in China Town, New York, in den späten 1970er Jahren gegründet. CSWA existiert übrigens bis heute, wie in einer aktuellen Reportage von Dawid Krawczyk nachgelesen werden kann. Worker Centers sind gemeinnützige und in lokalen Communities – also Bevölkerungsgruppen, Gemeinden oder auch Stadtteilen – verankerte Einrichtungen. Auf lokaler Ebene werden vorwiegend ArbeitnehmerInnen aus dem Niedriglohnbereich oder ArbeitnehmerInnen mit eingeschränkten Rechten unterstützt. Viele der Worker Centers in den USA richten sich daher an un(ter)dokumentierte MigrantInnen und ArbeitnehmerInnen im Niedriglohnbranchen wie Gastgewerbe, Bau, Landwirtschaft (ErntehelferInnen) oder TagelöhnerInnen bzw. WanderarbeiterInnen. Worker Centers übernehmen dabei eine Reihe von Aufgaben. Neben arbeits- und sozialrechtlicher Beratung bieten viele »Worker Centers« auch Basisbildungsprogramme – wie Sprachkurse – an. Zugleich versuchen viele »Worker Centers« auf den lokalen Gesetzgebungsprozess Einfluss zu nehmen und auch Selbstorganisierungsprozesse zu unterstützen.

Ab den 2000er Jahren gab es eine erneute Gründungswelle von Worker Centers in den USA. Auf überregionaler Ebene spielen Worker Centers heute in Plattformen wie der »Right to the City Alliance« eine große Rolle. Von der Plattform gehen bundesweite Kampagnen gegen Delogierungen, für leistbare Mieten und für sozialen Wohnbau aus. Aber auch an MigrantInnenstreiks wie dem »Great American Boycott« (»El Gran Paro Estadounidense«) am 1. Mai 2006 waren Worker Centers zentral beteiligt. Als Reaktion auf eine Verschärfung des Fremdenrechts, gab es den Aufruf einer breiten Allianz von NGOs, Worker Centers und Gewerkschaften an MigrantInnen, für diesen Tag ihre Arbeit kollektiv niederzulegen.

Die ersten Worker Centers entstanden im Gegensatz dazu teilweise in bewusster Opposition zu etablierten Gewerkschaften. 1986 haben die großen US-Gewerkschaften für eine Sanktionsrichtlinie lobbyiert. Diese wurde als Teil des »Immigration Reform and Control Act« zum bis heute gültigen Gesetz. Im Kern sagt die Richtlinie, dass es ArbeitgeberInnen unter Strafandrohung nicht erlaubt ist, ArbeitnehmerInnen ohne Arbeitserlaubnis zu beschäftigen. Zwischenzeitlich sind US-Gewerkschaften gegen dieses Gesetz und schließen mitunter auf Betriebsebene zum Schutz ihrer Mitglieder ohne Arbeitserlaubnis Verträge ab, die diese Bestimmungen gezielt unterlaufen.

Restriktive Rahmenbedingungen für Gewerkschaften in den USA

Die legalen Rahmenbedingungen für Gewerkschaften in den USA unterscheiden sich von denen in Österreich teils deutlich. Im wesentlichen verhandeln US-Gewerkschaften auf Betriebsebene. Das bedeutet, dass sich nicht nur die Entlohnung, sondern auch Sozial- und Versicherungsleistungen von Betrieb zu Betrieb unterscheiden können. Um in einem Betrieb aktiv werden zu können, muss eine Gewerkschaft in der Regel mehr als die Hälfte der MitarbeiterInnen auf ihrer Seite haben. Ist dies nicht der Fall, darf die Gewerkschaft keine Verhandlungen mit der ArbeitgeberInnenseite aufnehmen.

Worker Centers hingegen unterliegen weit weniger gesetzlichen Bestimmungen als etablierte Gewerkschaften, da ihre Aktivitäten vom »National Labor Relations Act« nicht erfasst werden. Um Streiks auszurufen, müssen sie sich beispielsweise nicht die bürokratischen Formalitäten halten, denen Gewerkschaften unterworfen sind. Worker Centers können auch gezielt GeschäftspartnerInnen und Subfirmen unter Druck setzen. Die US-Gesetze verbieten Gewerkschaften solche Strategien eigentlich.

Das Modell »Somos un Pueblo Unido«

Dort wo etablierte Gewerkschaften nicht aktiv sind oder sein dürfen, setzt das Modell von »Somos un Pueblo Unido« ein, das sich stark an etablierte Organizing-Modelle anlehnt: KollegInnen mit ähnlichen Anliegen bilden ein Komitee, einigen sich auf einen Aktionsplan und verpflichten sich, ihr Risiko in Folge gemeinsam zu tragen. Die OrganizerInnen von »Somos un Pueblo Unido« helfen dabei einen Eskalationsplan (also Kampagnenplanen in mehreren Schritten) auszuarbeiten, der sich am maximalen Schutz der beteiligten KollegInnen orientiert. Den Schutz bilden gesetzliche Bestimmungen und, dort wo diese nicht weitreichend genug sind, eine sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit. Dieser Punkt ist besonders wichtig, da sich viele KollegInnen, die sich an Worker Centers um Unterstützung wenden, in prekären aufenthaltsrechtlichen Situationen befinden und damit natürlich besonders erpressbar sind.

Wie schaut das Modell genau aus? Sobald ArbeitnehmerInnen »Somos un Pueblo Unido« mit einem Anliegen kontaktieren, wird nach einem eingespielten Schema vorgegangen. Zunächst erfolgt eine Erstberatung durch die MitarbeiterInnen des Worker Centers in der die betroffenen KollegInnen über ihre Rechte informiert werden. Dort wo ArbeitgeberInnen Löhne nicht korrekt bezahlen, lassen sich in so einem Erstgespräch meist sehr rasch auch weitere Verstöße gegen ArbeitnehmerInnenrechte finden.
In einem nächsten Schritt wird abgeklärt, ob weitere KollegInnen am Arbeitsplatz von den Verstößen betroffen sind. Die KollegInnen, die sich an das Worker Center gewendet haben, sind dabei die wichtigsten MultiplikatorInnen. »Somos un Pueblo Unido« hilft dabei weitere ArbeitskollegInnen zu sensibilisieren und ein gemeinsames Treffen zu organisieren. Dort erzählen VertreterInnen von anderen Basiskomitees über ihre Erfahrungen mit Arbeitskämpfen und stehen für Fragen zur Verfügung. Bei dem Treffen werden gemeinsame Anliegen besprochen und welche Schritte notwendig sind, um diese gegenüber der ArbeitgeberInnenseite durchzusetzen.
In einem weiteren Schritt werden diese Forderungen verschriftlicht. Das Schreiben an die ArbeitgeberInnenseite enthält oft eine Warnung, dass weitere Schritte (bei Gericht oder dem Arbeitsinspektorat) folgen, so sich die Arbeitsbedingungen nicht ändern. In dem Schreiben wird durch die KollegInnen Gesprächsbereitschaft signalisiert, um die vorgebrachten Anliegen mit der Geschäftsführung persönlich zu besprechen.

»Somos un Pueblo Unido« verlangt von den Komitee-Mitgliedern einiges. So müssen alle beteiligten KollegInnen einen Vertrag mit dem Worker Center und auch untereinander unterschreiben. Darin werden einige gemeinsame Vereinbarungen festgehalten: So stimmen alle Beteiligten darin zu, dass sie sich mit den ArbeitgeberInnen nicht alleine treffen und ohne das Wissen der anderen KollegInnen auch nichts unterschreiben. Wenn das Komitee dazu gezwungen wird sich mit den ArbeitgeberInnen auf zu einigen, hält der Vertrag schon im Vorhinein fest, wie Vergleichszahlungen unter den Beteiligten im Komitee aufgeteilt werden. Alle Komiteemitglieder müssen darüber hinaus zustimmen, dass sie öffentlich auch in den Medien über ihre Anliegen sprechen, da durch diese Öffentlichkeitsarbeit Druck und somit wesentlicher Schutz aufgebaut wird.

Spätestens wenn der Brief mit den Forderungen übergeben wurde, weiß die ArbeitgeberInnnenseite, dass sich zumindest Teile ihrer Belegschaft organisiert hat. Ab jetzt beginnt die kritische Phase. ArbeitgeberInnen wird ab jetzt kein Vorwand geliefert, zu kontern. In Rollenspielen wird vorab geübt, wie ArbeitgeberInnen auf die übermittelten Forderungen reagieren werden. Was wenn sich die Geschäftsführung nur mit einem einzelnen Komiteemitglied treffen will?

Umgang mit Repressalien durch ArbeitgeberInnen

In vielen Fällen können bald nach Übermittlung der Forderungen Verbesserungen am Arbeitsplatz festgestellt werden. Es kann aber auch zu Repressalien seitens der Geschäftsführung kommen. Diesen wird im Organizing-Modell von »Somos un Pueblo Unido« so gut als möglich vorgebeugt.

Der erste öffentliche Schritt, die Übergabe der von allen beteiligten KollegInnen unterschriebenen Forderungen an die ArbeitgeberInnen, soll Repressalien vorbeugen. Sollten die ArbeitnehmerInnen in der Folge entlassen werden, haben sie durch diesen ersten Schritt dokumentiert, dass sie kollektiv Verhandeln wollen und die ArbeitgeberInnen darüber von Anfang an in Kenntnis gesetzt wurden.
Eine kurzfristig anberaumte Kundgebung nach jedem feindseligen Akt durch die ArbeitgeberInnenseite zieht negative Publicity auf das Unternehmen. Diese Aufmerksamkeit wollen Unternehmen in der Regel vermeiden. Zugleich wird dadurch sichtbar gemacht, dass die KollegInnen eine breite Unterstützung durch die Mitglieder anderer Komitees oder lokaler Verbündeter genießen. Regionale Medien werden eingeschalten, um über die Anliegen der betroffenen KollegInnen zu berichten. Das Worker Center zeigt somit, dass es bereit ist öffentlichen Druck aufzubauen und davon auch nicht ablassen wird. Dies soll auch eine Signalwirkung anderen ArbeitgeberInnen haben, sollten sie Ziel einer solchen Kampagne werden.
Beschwerden beim »National Labor Relations Board« (Arbeitsgericht) gegen Repressalien durch die ArbeitgeberIn sind, den Erfahrungen von »Somos un Pueblo Unido« nach in der Regel sehr aufwendig und daher nicht unbedingt anzustreben. Selbst wenn die KollegInnen schlussendlich Recht bekommen sollten, dauern Verfahren mitunter sehr lange. Nachdem die Erfolge von »Somos un Pueblo Unido« mehr werden, spricht sich auch unter ArbeitgeberInnen herum, dass sich langwierige juristische Auseinandersetzungen mit dem Worker Center nicht auszahlen und stattdessen schnelle Einigungen anzustreben sind.

Was können AktivistInnen hierzulande von dem Modell lernen?

Die Aufgaben von Worker Centers werden in Österreich in Teilaspekten von Institutionen wie MAIZ – Autonomes Zentrum für und von MigrantInnen, der UNDOK-Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender oder PROSA übernommen, teilweise von basisgewerkschaftlichen AktivistInnen die Arbeitskämpfe, wie den der AbfallberaterInnen oder in der Pflege, unterstützen. Das Konzept Worker Centers versucht diese verschiedenen Kompetenzen zu bündeln, um eine gemeinsame Organisierung schlagkräftiger zu machen.

Zum anderen können Organizing-Ansätze wie der von »Somos un Pueblo Unido« auch als Impuls dienen, linke Organisierungsmodelle neu zu denken, so sie eine Nützlichkeit jenseits der eigenen Blase entwickeln soll. Die Tatsache das viele Bereiche von Arbeit und Leben von traditionellen Institutionen der ArbeiterInnenbewegung nicht mehr erreicht werden, sollte auch für AktivistInnen in Hinblick auf deren Organisierungsangebote zu denken geben. Der zu besetzende Spielraum wäre hier sehr groß.

Rainer Hackauf

Rainer Hackauf

…ist basisgewerkschaftlich und antirassistisch aktiv. Er ist Mitglied im Verband zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender (www.undok.at). […]

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