Unia-Schweiz: Gewerkschaft als größte MigrantInnenorganisation

Unia Demonstartion - Green Monster, 1. Mai 2010. Foto: Cardoso Diogo. Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Zur bevorstehenden Tagung »Recht auf Arbeit oder Arbeit ohne Rechte?« UNDOK-Anlaufstelle am 29. Februar 2016 ist auch die Migrationssekretärin der größten Gewerkschaft der Schweiz Unia, Aurora Garcia, eingeladen. Nachdem in der Schweiz mehr MigrantInnen arbeiten als etwa in Österreich oder Deutschland, sind Gewerkschaften in der Schweiz schon länger darauf angewiesen, neue Formen der gewerkschaftlichen Organisierung zu entwickeln. Vor dem Hintergrund aktueller Forderungen von SP-ArbeitnehmerInnenvertretern nach Abschottung des österreichischen Arbeitsmarktes, kann ein Blick in Richtung Schweiz hilfreich sein, um solchen Forderungen auch aus gewerkschaftlicher Sicht etwas entgegenzuhalten.

Die Unia ist eine branchenübergreifende Gewerkschaft, die ArbeitnehmerInnen in Industrie, Gewerbe, Bau und privatem Dienstleistungsbereich organisiert. Mit rund 200.000 Mitgliedern ist die Unia die größte Gewerkschaft in der Schweiz (zum Vergleich die GPA-djp hat rund 270.000 Mitglieder) und Teil des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB/USS). Die Rahmenbedingungen für Gewerkschaften in der Schweiz sind dabei teilweise andere als in Österreich. Zum einen ist die Gewerkschaftslandschaft in der Schweiz zersplitterter als in Österreich – es gibt viel mehr Gewerkschaften und vor allem nicht nur einen Dachverband – zum anderen führen Gewerkschaften in der Schweiz auch die Arbeitslosenkassen. Durch stärkere Elemente der direkten Demokratie in der Verfassung müssen Interessenvertretungen wesentlich kampagnenfähiger sein. Nicht zuletzt ist auch die Zusammensetzung am Arbeitsmarkt in der Schweiz eine andere, da es viel mehr MigrantInnen am Arbeitsmarkt gibt – ein Viertel der Lohnabhängigen hat keinen Schweizer Pass – und diese somit eine größere Rolle spielen.

Die Gewerkschaft als Bewegung

Doch es gibt aus gewerkschaftlicher Perspektive auch viele ähnliche Entwicklungen und Herausforderungen. Vor dem Hintergrund von massiven Mitgliederverlusten in den 1980er und 1990er Jahren, suchten auch Gewerkschaften in der Schweiz um die Jahrtausendwende nach neuen Konzepten. Unter Slogans wie »Die Gewerkschaft als Bewegung« wurden auch bei der Unia verstärkt »Organizing«-Methoden zur Mitgliedergewinnung eingeführt. Dem »Organizing« Konzept entsprechend, wurden zur Mitgliedergewinnung ganz gezielt Konflikte mit ArbeitgeberInnen gesucht und auch gemeinsam mit den Beschäftigten in den Betrieben ausgetragen. Dies bewusst auch in “schwierigen” Branchen, also Branchen die aus gewerkschaftlicher Sicht als unorganisierbar gelten. Die Kommunikation mit den beschäftigten KollegInnen soll dabei in erster Linie in der Muttersprache und »vor Ort« (also am Arbeitsplatz aktiv aufsuchend) geführt werden.

Diese neuen Ansätze wirken sich auch auf die Zusammensetzung die Mitgliederstruktur der Unia aus. Über 50% der Unia-Mitglieder haben heute keinen Schweizer Pass. Die eigene Mitgliederzeitung »Horizonte« erscheint in sechs Sprechen (spanisch, portugiesisch, türkisch, BKS, albanisch und polnisch). Die Unia bietet ihren Mitgliedern Sprachkurse sowie Weiterbildungen an, welche spezifisch auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zugeschnitten sind, und über den weit über den eigentlichen Arbeitsplatz hinausgehen.

Dadurch dass sich die Gewerkschaft durch »Organizing« wieder vermehrt an den Interessen ihrer Mitglieder orientiert, beschränkt sie ihre Aktivitäten nicht auf Forderungen nach Regulierung am Arbeitsmarkt, etwa unter dem Stichwort »Lohn- und Sozialdumping«. Analog zu vielen US-Gewerkschaften setzt sich die Unia sehr aktiv für Beteiligungsrechte und Aufenthaltssicherheit ihrer Mitglieder ein. Recht selbstbewusst bezeichnet sich die größte Gewerkschaft der Schweiz auch als größte Migrantinnen- und Migrantenorganisation. In Kampagnen unter dem Titel „Ohne uns keine Schweiz“ setzt sich die Gewerkschaft gegen die Diskriminierung von MigrantInnen auf dem Arbeitsmarkt ein. Zusammen mit den »Anlaufstellen für Sans-Papiers« versucht die Unia seit einigen Jahren gezielt undokumentierte KollegInnen zu erreichen, über ihre Rechte aufzuklären (siehe auch die Broschüre „Sans-Papiers – du hast Rechte!) und auch recht progressiv den Brückenschlag zu antirassistischen Initiativen zu setzen.

»Kongress der MigrantInnen und Menschen mit Migrationshintergrund«

»Gewerkschaft als Bewegung« bedeutet folglich auch gemeinsam mit sozialen Bewegungen und basisorientierten Initiativen neue Allianzen zu suchen. So nahmen rund 250 Menschen vor rund einem Jahr, am 7. Februar 2015, in Bern am ersten »Kongress der MigrantInnen und Menschen mit Migrationshintergrund« teil. Eingeladen dazu hatten der Verein Second@s Plus, die Gewerkschaft Unia, die Federazione Colonie Libere Italiane und die Organisationen Fabbrica di Zurigo und Marea Granate.

Der Kongress richtete sich gezielt an alle in der Schweiz lebenden MigrantInnen: egal welcher Generation, mit welchem Aufenthaltsstaus oder mit welchem Einkommen. Trotz dieser wichtigen Unterschiede war es das Ziel, zu einer gemeinsamen Stimme gegen die “entwürdigende Erfahrung, in der Schweiz weniger wert zu sein als andere”, zu finden. Im WOZ Interview meint der Mitinitiator Kijan Espahangizi über den Kongress:

Wir wollen uns jetzt sammeln, Erfahrungen austauschen, Strategien entwickeln und vor allem auch wieder Solidarität lernen. Wir werden über die Bücher gehen und ein neues Selbstbewusstsein an den Tag legen. Wir laden auch alle weltoffenen und progressiven SchweizerInnen ein, uns dabei zu unterstützen, eine neue Schweiz für alle hier lebenden Menschen zu schaffen – und auch für jene, die noch kommen werden.

Konkretes Ergebnis des Kongresses waren dabei vier Resolutionen und ein Entwurf für ein Manifest: zum Erhalt der Personenfreizügigkeit mit der EU; die Legalisierung des Aufenthaltsstatus aller in der Schweiz lebenden »Sans Papiers« bzw. Undokumentierten; sowie ein Verbot der Abschiebung von Menschen, die in der Schweiz geboren sind oder hier ihren Lebensmittelpunkt haben; zudem die Forderung, dass die Schweiz als Sofortmaßnahme 100.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen soll. Forderungen die im österreichischen Kontext noch undenkbar scheinen.

»Alle, die hier sind, sind von hier!«

Auch in Österreich werden sich Gewerkschaften in den nächsten Jahren für MigrantInnen massiv öffnen müssen. Aktuelle Forderungen von SP-ArbeitnehmerInnenvertretern in Richtung Abschottung des Arbeitsmarktes stehen dabei für eine Haltung, die Gewerkschaften in Österreich Jahrzehnte lang besonders stark geprägt haben. Dabei braucht man gar nicht an die entwürdigenden Gasterbeiterabkommen ab 1961, die der ÖGB – in seiner Rolle als Sozialpartner und in seiner traditionell an Wirtschaftswachstum ausgerichteten Politik – sehr stark mitgeprägt hat, zu erinnern. Es ist noch nicht so lange her, seitdem das aktive und passive Wahlrecht auf Betriebsebene von MigrantInnen ohne Unterstützung von ArbeitnehmerInnenverbänden erstritten werden musste.
Zwischenzeitlich hat auch hier teilweise ein Umdenken stattgefunden: MigrantInnen sind längst da und brauchen keine Integrationsdebatten, sondern Debatten über Demokratie, Beteiligung, Repräsentation und Rechte. Auch in Hinblick auf Mitgliedsgewinnung wird es für Gewerkschaften in Österreich sinnvoll sein, Zuwanderung als positive Realität zu akzeptieren und diese Debatten aktiv aufzugreifen, statt sich hinter protektionistischer Klientelpolitik zu verstecken und die Abschottung des Arbeitsmarktes zu fordern.

Rainer Hackauf

Rainer Hackauf

…ist basisgewerkschaftlich und antirassistisch aktiv. Er ist Mitglied im Verband zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender (www.undok.at). […]

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