Die AbfallberaterInnen von Wien

Wie prekär Beschäftigte der Stadt Wien sich und ihren Arbeitskampf organisieren.

von Sandra Stern und Lisa Sigl

Umweltschutz wird in Wien groß geschrieben. Wien sei eine der saubersten – und wie es interessanterweise auch gleich heißt: sichersten – Städte der Welt. Dafür stand bislang Ulli Sima (SPÖ), Stadträtin für Umwelt und Tierschutz, nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit ihrem Lächeln in den zahlreichen Hochglanzbroschüren der Stadt Wien. Und seit über 15 Jahren ist auch die Abfallberatung wesentlicher Bestandteil der Wiener Umweltpolitik: die über 30 AbfallberaterInnen betreuen das Misttelefon, spielen in Schulen und Kindergärten den »Müllkasperl« und beraten bei zahlreichen Veranstaltungen in Fragen der Mülltrennung und -vermeidung. Allerdings arbeiteten die KollegInnen bereits seit vielen Jahren auf Basis von Werkverträgen und Gewerbescheinen. In Anbetracht der realen Arbeitssituation der AbfallberaterInnen eine eindeutige Umgehung des Arbeits- und Sozialrechts durch die ArbeitgeberInnenseite, die MA48 (Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark der Stadt Wien).
Anfang dieses Jahres kursierten erste Gerüchte in der MA48, dass zwei Drittel der AbfallberaterInnen ihre Jobs verlieren sollten. All das wollten die Betroffenen jedoch nicht länger hinnehmen und organisierten sich in der Initiative Abfallberatung. Die Stadt Wien reagierte prompt: seit Juli erhalten die organisierten KollegInnen keine Dienste mehr zugeteilt, seit August sind die meisten auch ohne Vertrag.

Prekär im Dienste der Stadt

Die Situation der AbfallberaterInnen kann als Musterbeispiel für die massive Zunahme an prekären Beschäftigungsverhältnissen im kommunalen Bereich – in diesem Fall in der Stadt Wien – bezeichnet werden: Scheinselbstständigkeit, Umgehungsverträge, kein Kündigungsschutz, unzureichende soziale Absicherung, keine Kommunikation und Respektlosigkeit seitens der Vorgesetzten, keine Unterstützung durch die Personalvertretung, zurückhaltendes Agieren der Gewerkschaftszentrale. So manche würden meinen, diese KollegInnen seien nicht organisierbar, ein Arbeitskampf kaum vorstellbar. Unter derartigen Umständen würden außerdem Vereinzelung und Konkurrenz untereinander ihr Übriges zur Demobilisierung beitragen. Doch der Fall der AbfallberaterInnen zeigt, dass es auf die konkreten Umstände ankommt, ob und wie sich prekär Beschäftigte erfolgreich organisieren und auch Arbeitskämpfe führen können.
Schon die alten Verträge mit der Stadt waren aus Sicht der Beschäftigen nicht lupenrein. Im letzten Herbst kam dann die Ankündigung, dass die Verträge nicht wie bisher üblich um ein Jahr verlängert würden, sondern nur noch um sechs Monate. »Im Laufe des nächsten Jahres sollten über zwei Drittel von uns ihre Jobs verlieren. Zunächst konnten wir es gar nicht glauben. Wir waren wie vom Blitz getroffen.« berichtet ein Abfallberater im PrekärCafé in Wien. »Wir machen unsere Arbeit alle sehr gerne. Manche arbeiten schon seit 15 Jahren als AbfallberaterInnen für die Stadt«, ergänzt eine Kollegin.
Nicht nur die Empörung darüber, wie die Arbeitgeberseite sie behandelt, sondern auch die starke Identifikation mit ihrem Job im Dienste des Umweltschutzes motivierte die KollegInnen in den letzten Monaten immer wieder, sich gemeinsam gegen die rechtswidrigen Verträge und die Respektlosigkeit ihrer Vorgesetzten zu wehren. Von einer Petition an Umweltstadträtin Ulli Sima, über einen Blog und eine Facebook-Seite bis hin zu einem Aktionstag mit Live-Musik, Straßentheater und einer Abfallberatung für interessierte PassantInnen. In den letzten Monaten jagte eine Aktion die nächste. Sie traten geschlossen der zuständigen Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Sport, Medien, freie Berufe (GDG-KMSfB) bei. Mittlerweile erklärte sich sowohl der Personalrat der Stadtreinigung Hamburg als auch der Fachbereichsvorstand der Berliner Stadtreinigung in der Gewerkschaft ver.di mit den Wiener AbfallberaterInnen solidarisch. Neben dem medialen und öffentlichen Druck war und ist auch die direkte Konfrontation der ArbeitgeberInnenseite zentraler Bestandteil ihres Arbeitskampfs.
Es ist Ende Mai und in Wien bahnt sich eine Hitzewelle an. In einem kleinen Wohnzimmer in einem der Außenbezirke sitzen 25 AbfallberaterInnen bei einer Nachbesprechung. Eben haben sie ein Treffen mit ihren Vorgesetzten hinter sich gebracht. Die KollegInnen hatten das Treffen mit den Chefetagen der MA48 und die politisch Verantwortlichen – allen voran Umweltstadträtin Ulli Sima – eingefordert haben, nachdem diese sie mit Einzelgesprächen abspeisen wollten. Die Stimmung ist gut, regelrecht ausgelassen, die ersten Sektkorken knallen.
Die AbfallberaterInnen sind zufrieden, weniger mit dem unmittelbaren Ergebnis des Treffens – die MA48 war zu keinem Entgegenkommen bereit – sondern mit sich selbst. Denn im Vorfeld des Treffens haben sie kollektiv überlegt, wie sie als Gruppe auftreten können und wollen. »Als wir zur Besprechung mit unseren Vorgesetzten kamen, wollten wir – so wie jetzt – im Kreis sitzen« erzählt jemand noch ganz aufgeregt »nicht wie die Schulkinder hinter einander. Der Abteilungsleiter reagierte verärgert und meinte in einem scharfen Ton, wir sollen uns nicht so anstellen und uns endlich hinsetzen. Daraufhin sind wir alle stehen geblieben.« Dass sie sich nicht haben einschüchtern lassen, sondern das Gespräch so geführt haben, wie sie es sich vorgenommen hatten, ist für die Beteiligten eine gute Erfahrung.

Gut geübt im selbstorganisierten Arbeiten

Die Organisierung und der Arbeitskampf der AbfallberaterInnen werden durch ihre Übung mit selbstorganisierter Koordination und die kollektive Umsetzung von kreativen Ideen in der alltäglichen Arbeit unterstützt. Nicht zuletzt waren die für flexibles Arbeiten notwendigen sozialen, kommunikativen und affektiven Kompetenzen entscheidend dafür, wie sich die AbfallberaterInnen organisiert haben. Dabei ging es in erster Linie darum ein gemeinsames Selbstverständnis zu entwickeln – trotz höchst unterschiedlicher individueller Ausgangssituationen und einer fast zur Gänze fehlenden institutionalisierten Interessenvertretung. Es geht darum, kollektiv Forderungen, Strategie- und Zeitpläne zu erarbeiten, Raum und Zeit für Gespräche zu schaffen, um der Individualisierung von Ängsten, Befürchtungen und Problemen entgegenzuwirken. So sollen möglichst viele KollegInnen zum Mitmachen bewegt werden, damit der Arbeitskampf nicht zur Angelegenheit Einzelner in der Gruppe wird.
Da bislang weder die Vorgesetzten bei der MA48 noch Stadträtin Ulli Sima ihrer Verantwortung nachgekommen sind, den AbfallberaterInnen faire und rechtskonforme Verträge zu garantieren, und weil die Arbeitsbedingungen in der Magistratsabteilung generell zu wünschen übrig lassen, versuchen die AbfallberaterInnen nun, ihren Kampf verbreitern. Angesichts des in der MA48 weit verbreiteten Klima der Angst gestaltet sich die Vernetzung mit anderen Gruppen jedoch schwierig. Doch genau darum geht es in Organisierungsprozessen und Arbeitskämpfen immer: dass die Wut über die herrschenden Zustände größer wird als die Angst vor Sanktionen. Viele der jetzt aktiven KollegInnen hatten das zu Beginn selbst für unmöglich gehalten. Doch in zahlreichen Gesprächen und Auseinandersetzungen ist es ihnen gelungen, eine gemeinsame Basis aufzubauen. Diese Solidarität ließ auch viele der permanenten Spaltungsversuche durch die ArbeitgeberInnenseite ins Leere laufen.
Der Arbeitskampf der AbfallberaterInnen lässt sich also nicht auf vorherrschende Bilder von Streiks und Streikposten reduzieren. Doch wie in allen Arbeitskämpfen versuchen die KollegInnen Druck aufzubauen und die Geschwindigkeit vorzugeben. Kurz: Arbeitskampf heißt sowohl für die AbfallberaterInnen selbst als auch für die sie begleitenden UnterstützerInnen auch politische Bildung. Aber vor allem, so haben es die AbfallberaterInnen Wiens so schön auf den Punkt gebracht: »Arbeitskampf ist, gemeinsam den Ton angeben!«

Sandra Stern und Lisa Sigl sind im PrekärCafé Wien politisch aktiv.

Artikel erschienen in: analyse & kritik, 575/2012 unter dem Titel: »Mülltrenners of the world, unite! Prekär beschäftigte AbfallberaterInnen der Stadt Wien im Arbeitskampf.«

Infos über die Initiative Abfallberatung: http://abfallberatung.prekaer.at und http://www.facebook.com/AbfallberatungWien

Sandra Stern

Sandra Stern

…war in den vergangenen Jahren in verschiedenen Organizing-Kampagnen in den USA, Deutschland und Österreich aktiv. Aktuell arbeitet sie für die UNDOK-Anlaufstelle (www.undok.at) und hält Organizing-Seminare für BetriebsrätInnen und GewerkschafterInnen. […]

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