Avanti Migranti!

1. Märzs Streik 2010 in Turin. Foto: Gigi C., 1.3.2010. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0.

Kurzer Abriss der Geschichte migrantischer Selbstorganisation in Italien bis zum Streik

Im Juli 2011 fand eine Veranstaltung mit der antirassistischen Aktivistin Eda Pando, peruanischer Herkunft und seit 20 Jahren in Italien lebend, statt. Dabei ging es zentral um migrantische Selbstorganisierung und transnationale Vernetzung – beides vor dem Hintergrund der Erfahrungen antirassistischer und migrantischer Bewegungen in Italien – in den letzten 25 Jahren –, die 2009 schließlich zum ersten »1. März«-Streik in Italien geführt haben. Diese Geschichte soll hier kurz nachgezeichnet werden.

Die Vorgeschichte migrantischer Selbstorganisation in Italien reicht bis Ende der 1980er Jahre zurück. Auslöser für die Formierung einer antirassistischen Bewegung war damals der Mord an einem aus Afrika stammenden Landarbeiter. Dieser hatte kurz vor seiner Ermordung noch ein Fernseh-Interview gegeben, in dem er offen über seine Fluchtgründe und den Rassismus in seiner Heimat berichtete. Die Empörung darüber, dass in Italien ein vergleichbarer Rassismus herrscht, der zum Mord führte, war in Teilen der Gesellschaft groß. In Folge kam es zu ersten großen antirassistischen Mobilisierungen, erstmals beteiligten sich mehr als 100.000 Menschen an einer Gedenkkundgebung.

Mehr als zehn Jahre später, im Zuge der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel in Genua 2001, kam es zum ersten Mal zu einer breiteren Vernetzung von antirassistischen Initiativen, die zwischenzeitlich in ganz Italien entstanden waren. Das so entstandene Bündnis spaltete sich aber schon ein Jahr später. Eine groß angelegte staatliche Legalisierung von MigrantInnen, die schon jahrelang in Italien gelebt und gearbeitet hatten, führte zu unüberbrückbaren Spannungen in Bezug auf die antirassistische Agenda. Während AktivistInnen aus der italienischen Mehrheitsgesellschaft Migration losgelöst von individuellen Schicksalen betrachten wollten, bildete sich ein »Komitee der ImmigrantInnen« heraus, das konkrete Beratungs- und Unterstützungsarbeit für Personen leistete, um an Papiere zu gelangen.

AktivistInnen aus der Mehrheitsgesellschaft wurden in Folge erstmals aus den aktivistischen Zusammenhängen der MigrantInnen ausgeschlossen, auch um dem „Kolonialismus in den eigenen Köpfen” den Kampf anzusagen. Aber auch innerhalb der selbstorganisierten Komitees kam es zu Differenzen. Diese drehten sich vor allem um die Frage der politischen Forderungen: Diejenigen, die keine Papier hatten, waren in erster Linie an Veränderungen der nationalen Gesetzgebung interessiert; diejenigen, die Papieren besaßen, nahmen verstärkt transnationale Perspektiven ein.

Um mit diesen Konflikten produktiv umzugehen und MigrantInnen als selbstbewusste Subjekte in den Vordergrund zu stellen, kam es 2009 schließlich zum ersten »1. März«-MigrantInnenstreik. Zum einem ist diese neue Strategie ein Versuch, die Kämpfe von MigrantInnen und antirassistischen MehrheitsitalienerInnen wieder zusammenzuführen, wenngleich erstere letztendlich über Form und inhaltliche Ausrichtung bestimmen. Im Manifest des italienischen »1. März«-Streiks wurde daher zum einen festgehalten, dass das Thema Migration nicht länger als Single-Issue verstanden werden kann, sondern sich gegen die Ausbeutung aller Lohnabhängigen richten muss. Das Aufgreifen des Streiks, als einem von der ArbeiterInnenbewegung geprägten Konzept, soll auch symbolisch darauf hinweisen.

Zum anderen soll das Konzept des Nationalstaats durch die Forderung nach StaatsbürgerInnenschaft für alle nachhaltig in Frage gestellt werden. So soll zwischen der Frage nach dem jeweiligen Aufenthaltsstatus vermittelt werden, zugleich sollen migrantische Communitys an Hand der Frage repolitisiert werden, Formen von Rassismus innerhalb der Gemeinschaften auf- und anzugreifen.

Ist das nun links? Trotz allem – oder gerade deswegen – versteht sich die italienische »1. März«-Bewegung nicht als Teil der politischen Linken. Die meisten Anknüpfungspunkte, was Perspektiven radikaler Gesellschaftsveränderung wie auch Formen der Organisierung betrifft, finden sich bei den prekären Kämpfen der EuroMayDay-Bewegung in Italien. Und die planen schließlich auch gerade an ihrem Streik: dem »Streik der Prekären«. Davon vielleicht mehr in einer der nächsten Ausgaben dieser Zeitung.

Dieser Beitrag erschien erstmals in der Zeitschrift MAMOE im Rahmen des »Schwerpunkts zum Transnationalen Migrant_innenstreik« im März 2012.

Rainer Hackauf

Rainer Hackauf

…ist basisgewerkschaftlich und antirassistisch aktiv. Er ist Mitglied im Verband zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender (www.undok.at). […]

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