versenken – verschütten – verdrängen

„Versenkungen“ – Ein Projekt von Alexander Jöchl und Sabrina Kern, Ebensee, 2010 – 2013; Foto: Sandra Stern

Zum Umgang mit Faschismus in Österreich, die Hunderttausendste.

Es ist der 22. September und wir stehen in Ebensee/OÖ, am Ufer des Traunsees. Einige von uns haben Schuhe und Socken in der Hand, die Hose hochgekrempelt und waten am Ufer entlang. Wir suchen nach Steinen. Steine, die Auskunft über die Bücherversenkungen geben, die hier 1934 – im ersten Jahr des austrofaschistischen Regimes – stattfanden. Damals wurde der Volksbildungsreferent Adalbert Depiny vom Unterrichtsministerium damit beauftragt gegen sozialdemokratische Bildungseinrichtungen vorzugehen.

Mit seinen 191 Metern ist der Traunsee der tiefste See Österreichs. Dementsprechend kalt ist mir, als ich meine Füße ins Wasser stecke. Hoffentlich finde ich bald einen, denke ich und suche immer schneller nach den Steinen, die im Rahmen der Kunstintervention „Versenkungen“ von Alexander Jöchl und Sabrina Kern am Ufer – teils im Wasser, teils an Land – platziert wurden. Endlich finde ich den ersten Stein. Ich hüpfe aus dem Wasser und stelle mich auf meine Schuhe. Ich muss meinen Fund mehrmals wenden, um das, was darauf gedruckt ist, lesen zu können: Insa Eschenbach, Sigrid Jacobeit, Silke Wenk (Hg.): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids. Frankfurt/New York, 2002.

Es ist kaum noch zu rekonstruieren, welche Bücher die Austrofaschist_innen damals mit Hilfe der Gendarmarie im Traunsee versenkt haben. Es sollen 800 gewesen sein. Doch abgesehen von neun Namen auf einem Flugblatt der Kommunistischen Partei Ebensee, das vom Zeitgeschichte Museum Ebensee dokumentiert ist, sind keine der Titel und Autor_innen bekannt. Vor diesem Hintergrund wollen die Künstler_innen Jöchl und Kern eine Reflexion darüber anregen, wo und wie faschistische Strukturen und Geschichte(n) bis heute fortgeschrieben werden und wie Kritik und Auseinandersetzung daran bis heute marginalisiert wird. Sie wählten dafür Literatur der Gegenwart und jüngeren Geschichte aus, die antifaschistisches, antirassistisches, queer-feministisches und postkoloniales Wissen beinhaltet. Ich steige von einem Fuß auf den anderen. Mir ist kalt.

„Wir können die Geschichte nicht bewältigen, denn die ist gelaufen.“

Als wir von der Bahnstation zum Traunsee spazierten, begegneten uns am Parkplatz einige Jugendliche, deren gewohnten Treffpunkt wir sprichwörtlich durchkreuzten. Dabei musste ich an die Skandalmeldungen vor zwei Jahren denken. Damals hatten vier Jugendliche in einem der beiden Stollen der Gedenkstätte Ebensee eine Gedenkfeier für die im Konzentrationslager Ebensee Inhaftierten und Ermordeten gestört. Sie haben die Teilnehmer_innen der Gedenkfeier – darunter auch Angehörige von Opfern – mit Softguns beschossen und mit „Sieg-Heil“-Rufen attackiert. Die meisten Politiker_innen gaben sich daraufhin schockiert und stellten sich sprachlos. Mittlerweile wurden drei der vier angeklagten jungen Männer zu bedingten Haftstrafen bis zu sechs Monaten verurteilt. Einer wurde freigesprochen. Danach stellten die Medien ihre Berichterstattung wieder ein und der besagte Stollen wurde zugeschüttet.

Bewusst gewählte Sprachlosigkeit dominiert auch den mehrheitlichen Umgang mit dem (Austro-)Faschismus und dem Nationalsozialismus. So verkündete der oberösterreichische Landeshauptmann Pühringer zuletzt bei der offiziellen Eröffnung des sogenannten „Verschütteten Raums“ im Schlossmuseum Linz lautstark:„Wir können die Geschichte nicht bewältigen, denn die, sehr verehrte Damen und Herren, ist gelaufen.“ Schnell fügt er hinzu: „Wir können aus der Geschichte nur lernen.“ Dabei wirkt er beinahe erleichtert.

Prekäre Erinnerung

Die Geschichte ist nicht einfach da. Wir müssen sie freilegen. Wir müssen aus ihr lernen. Darin sind sich alle einig. Doch an was und wen wir uns erinnern und in welcher Form wir das tun, hängt – ebenso wie die Deutung der Geschichte selbst – von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und politischen Entscheidungen ab. So gibt es die nach Adalbert Depiny benannte Straße in Linz bis heute. Doch nicht nur das Erinnern ist umstritten, und damit prekär, sondern auch die Arbeits- und Lebensbedingungen derer, die sich darum bemühen. So basiert ein Großteil der Erinnerungsarbeit in Österreich auf dem ehrenamtlichen Engagement von Einzelpersonen, politischen Gruppen und Initiativen.

Der letzte Stein: Johanna Schaffer: Ambivalenzen der Sichtbarkeit. Über die visuellen Strukturen der Anerkennung. Bielefeld, 2008. Ich lege ihn zurück ins Wasser und frage mich, ob ich die Steine im nächsten Jahr an dieser Stelle noch finden werde. Wahrscheinlich nicht, denke ich und ziehe meine Socken und Schuhe wieder an. Doch anders als eine Gedenktafel, sind es gerade diese temporären Fragmente, die mich als Betrachterin herausfordern, mich mit den dadurch aufgeworfenen Fragen weiter zu beschäftigen. Damit wird die klassische Vorstellung von „Erinnern“ umgekehrt. Das Ritual selbst wird zum Denkmal. So werden auch in den nächsten beiden Jahren am 22. September Steinniederlegungen in Ebensee stattfinden. Damit wollen die Künstler_innen darauf aufmerksam machen, dass eine zeitgemäße Erinnerungsarbeit kontinuierlich bleiben muss. So bedarf es immer wiederkehrender Rituale, um die Sichtbarkeit an die Geschichte(n) zu gewährleisten und unsere Erinnerung daran wachzuhalten.

Anmerkungen

„Versenkungen“ – Ein Projekt von Alexander Jöchl und Sabrina Kern, Ebensee, 2010 – 2013: http://fiftitu.at/de/node/172

Teilfinanziert im Rahmen der ARGE „Lustvoll Böse“ von „FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in Oberösterreich“.

Unterstützt vom Frauenforum Salzkammergut: http://www.frauenforum-salzkammergut.at und dem Zeitgeschichte Museum Ebensee: http://www.memorial-ebensee.at

Artikel erschienen in: Kulturrisse 04/2011

Sandra Stern

Sandra Stern

…war in den vergangenen Jahren in verschiedenen Organizing-Kampagnen in den USA, Deutschland und Österreich aktiv. Aktuell arbeitet sie für die UNDOK-Anlaufstelle (www.undok.at) und hält Organizing-Seminare für BetriebsrätInnen und GewerkschafterInnen. […]

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