Arbeitsmigration & Gewerkschaftsbewegung in Österreich 1867 bis 1914

Brünn, Mahen-Theater: Foto: Fellner & Helmer, 1903. Lizenz: Public Domain

Seminararbeit im Rahmen der »Arbeitsgemeinschaft Internationale Migration«, Projekt Internationale Entwicklung an der Universität Wien, im Sommersemester 2007 bei Mag. Veronika Bilger.

Einleitung

Die konkrete Motivation dieser Themenwahl geht auf einen Aufsatz von Gerhard Meissl mit dem Titel „Gewerkschaft und industriellen Arbeitsbeziehungen 1889-1914“ zurück. In dem Text wird erwähnt, dass in der österreichischen ArbeiterInnenbewegung, vor allem aber in der sich gerade Formierenden modernen Gewerkschaftsbewegung, um die Jahrhundertwende zwei wichtige Fragen recht intensiv diskutiert wurden: Wurde die Aufnahme von Frauen in Gewerkschaftsstrukturen von vielen männlichen Funktionären um die Jahrhundertwende abgelehnt, da diese am Arbeitsmarkt als vermeintlich nur schwer organisierbare und unqualifizierte „Lohndrückerinnen“ in der aufstrebenden Industrie fungieren und die organisierte (männliche) Arbeiterbewegung somit schwächen würden. Ähnliche Argumente wurden nun vermehrt auch gegen migrantische Arbeitskräfte vorgebracht. Von Seite der Spitze der Sozialdemokratischen Partei wurde dagegen die Wichtigkeit der Solidarität zwischen Männern und Frauen auch in Bezug auf deren Organisierung herausgestrichen, um eine Spaltung und somit Schwächung der ArbeiterInnenbewegung zu verhindern und die programmierte Emanzipation der Frauen auf diese Weise voranzutreiben. Ganz anders reagierte die Partei jedoch auf MigrantInnen, die nach und nach, unter Zustimmung sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaften, immer mehr von Arbeitsmarkt und sozialer Absicherung ausgeschlossen wurden. So forderte etwa Otto Bauer die „volle Freizügigkeit für die Auswanderer aus industriell-kapitalistischen Gebieten“, sowie die „Verteidigung der Arbeitsstellen gegen Zuwanderer“ (zitiert nach JOHN 1996: 112) und damit „faktisch den Ersatz des Klassenstandpunktes durch einen nationalistischen“ (GALANDAUER 1987: 135).

Ursprünglich war mein Plan für diese Arbeit mir an Hand der Vorgängerpublikation der Arbeiter-Zeitung – der (mit Unterbrechungen) zwischen 1870-1889 erscheinenden „Gleichheit“ – anzusehen, ob und wie diese sich ändernde Einstellung gegenüber dem Thema Migration sich dort widerspiegeln. Dabei ist die dahinterstehende These, dass es enge Verbindungen zwischen der Art, wie sich eine spezifisch andere Arbeitsmarktpolitik und Sozialpolitik gegenüber MigrantInnen herausbildet, die wiederum eng mit ökonomischen Rahmenbedingungen in Zeiten eines sich formierenden Sozialstaates zu tun haben und zu gleich auch auf die steigende Einbindung der Sozialdemokratie in diesen hinweisen bzw. dafür sogar notwendig war. Auf Grund des unterschätzten Umfanges der „Gleichheit“ in diesem Zeitraum, kann ich das im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht sinnvoll leisten. Daher beschränke ich mich darauf, angelehnt an die einschlägige Literatur zum Thema, mich diesen Veränderung an Hand der ökonomischen Rahmenbedingungen, des Diskurses und der daran anschließenden Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der organisierten Arbeiterbewegung zu nähern, um dies vielleicht als Ausgangsbasis für eine spätere Arbeit zum ursprünglich angedachten Thema zu nützen.

Methodische Probleme

Überraschend ist, dass sich in der Literatur oftmals kaum Definitionen zum Thema Arbeitsmigration in historischer Perspektive finden. Dies gerade auch vor dem Hintergrund, da gerade für das 19. Jahrhundert (aber auch davor) nicht von einer sinnvollen Verwendung der Begriffe „internationale“ bzw. „Binnen-“ Migration gesprochen werden kann, da sich in dieser Periode Nationalstaaten im modernen Sinn erst langsam formieren, staatliche Grenzen nicht die gleiche Bedeutung hatten, wie sie dies heute haben (vgl. LUCASSEN 1987: 64; KRALER/STACHER 2002: 52).
Für HistorikerInnen die sich mit dem Thema Migration und ArbeiterInnenbewegung beschäftigen, stellt das Forschungsfeld eine zusätzliche Herausforderung dar, da die Motivation und die Muster von MigrantInnen ihre Herkunftsregionen zu verlassen, mitunter sehr unterschiedlich sind: „Aussagen zum Thema „Migration und Arbeiterbewegung“ bewegen sich meist zwischen zwei Polen, die man vielleicht knapp Entwurzelung und Mobilisierung nennen kann.“ (LENGER 1987: 80) Das Sujet der „Entwurzelung“ rekurriert dabei zumeist auf eine Entfremdung der vom Land stammenden MigrantInnen, die sich in der urbanen Umgebung industrieller Zentren nur schwer zurecht finden und daraus vermeintlich unmittelbar folgenden Problemen der Desintegration. Auch wird davon Ausgegangen, dass Migration immer von Richtung Land in die Stadt erfolgt. Das Sujet der „Mobilisierung“ geht einerseits von einem umfassenderen Begriff einer Mobilisierung einer neuen sozialen Klasse aus, konkret aber auch davon, dass MigrantInnen vielfach auch wichtig für den Import und Aufbau von Arbeiterbewegungen waren. Ein konkreter Zusammenhang zwischen „Entwurzelung“ / „Mobilisierung“ und der Bedeutung von Migration für den Aufbau einer organisierten Arbeiterbewegung herzustellen, scheint jedoch nur bedingt zulässig zu sein, da dies historisch kaum nachweisbar ist (vgl. LENGER 1987: 80ff).
Arbeitsmigration & Gewerkschaftsbewegung 1867-1914

Mit der einsetzenden Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde Migration auch in der cisleithanischen Hälfte der Habsburgermonarchie zu einem Massenphänomen. Die Freisetzung von ländlichen Arbeitskräften aus peripheren Regionen auf Grund einer gestiegen Produktion in der Landwirtschaft und damit einhergehender Zerstörung der ökonomischen Basis dörflicher Gemeinschaften, eine steigende Nachfrage nach ungelernten Arbeitskräften in den industriellen Zentren bei fortschreitender Maschinisierung von Produktionsstätten, Pauperismus in den Städten, sowie die Verbreitung des Massentransportmittels Eisenbahn – zugleich auch der Leitsektor in dieser historischen Phase kapitalistischer Entwicklung – standen in enger Verbindung mit der stärker werdenden Migration. Die soziale Situation wurde dadurch verschärft, dass die meisten BürgerInnen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts starken Bewegungseinschränkungen unterlagen, diese erst nach und nach gelockert wurden (vgl. JOHN 1996: 105ff; KRALER/STACHER 2002: 52; FUCHS 1992: 9ff).
Zahlen belegen, dass gerade in den westlichen industriellen Zentren der Monarchie ein großer Teil der EinwohnerInnen MigrantInnen aus den peripheren, östlichen Regionen waren und dort für eine rasches Wachstum der Städte sorgten. So steigerte sich die Zahl an MigrantInnen in Wien von 50% 1869 auf 60% 1890. In Prag waren um 1900 gar 80% der EinwohnerInnen nicht heimatberechtigt (KRALER/STACHER 2002: 52ff).1
Im Gebiet des heutigen Österreichs kann Vorarlberg als klassisches Einwanderungsland bezeichnet werden, in das vor allem OstösterreicherInnen und ItalienerInnen migrierten. Einen hohen Anteil von MigrantInnen unter den FabriksarbeiterInnen konnten auch andere Industriezentren im Nordosten Österreichs aufweisen, wenngleich hier weniger ItalienerInnen zugezogen waren, sondern die ArbeiterInnen vor allem aus Böhmen, Mähren, Ungarn und später auch Galizien zugezogen waren (vgl. JOHN 1996: 105ff).2
Migration fand in dem untersuchten Zeitabschnitt aber nicht nur innerhalb Österreich-Ungarns statt, sondern Massenhaft auch nach Übersee3. Gerade seit den 1860er Jahren erfasste diese Emigration nach Übersee auch Osteuropa, darunter auch die östlichen Gebiete (Galizien, Ungarn) der Monarchie (FUCHS 1992: 19ff). Zum anderen gab es auch eine bedeutende Anzahl von MigrantInnen die aus dem, im Vergleich noch recht wenig industrialisierten, Österreich-Ungarn in „entwickelteren“ Regionen Beschäftigung fanden. So betrug die Zahl der im Deutschen Reich gezählten MigrantInnen aus dem Gebiet der Monarchie kurz vor dem ersten Weltkrieg etwa 90.000 UkrainerInnen, 30.000 UngarInnen, 50.000 Deutsschprachige, bei einer Gesamtzahl von rund 1,3 Millionen MigrantInnen (FUCHS 1992: 24).

Rahmenbedingungen: Arbeitsmarktpolitik & Armenfürsorge

Mit der massenhaften Migration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wird Migration und deren Regulierung zu einem zentralen Faktor bevölkerungspolitischer Maßnahmen und Diskurse (Stichwort „Überbevölkerung“) auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Diese Maßnahmen standen dabei zum einen in einem konkreten Spannungsfeld zwischen alten konservativen und neuen liberalen bzw. kapitalistischen Eliten. Zum zweiten das Spannungsverhältnis zwischen den protektionistischen (Standes-)Organisationen der gewerblichen (männlichen) Facharbeiterschaft und den Interessen der neuen MassenarbeiterInnenschaft, auf das im nächsten Abschnitt zurückgekommen wird.
Wollten erstere bestehende gesellschaftliche (Untertanen-)Verhältnisse bewahren, waren Zweitere daran interessiert, Arbeitsmärkte zu erweitern und das System der „freien Lohnarbeit“ auszuweiten, um auf eine „industrielle Reservearmee“ zu günstigen Konditionen zurückgreifen zu können. Darüber hinaus bedingte die neue arbeitsteilige, industrielle Produktionsweise eine gewisse Flexibilität und Bewegungsfreiheit der (zunächst Wander-)ArbeiterInnenschaft. Gerade in diesem arbeitsmarktpolitischen Spannungsverhältnis ist das „Heimatrecht“ zu betrachten. Durch die „Heimatberechtigung“ und die damit einhergehende Bindung an die Geburtsgemeinde einer Person, was die soziale Absicherung betrifft, sollte mittellosen Personen der Zuzug in die Städte erschwert und deren Lebensbedingungen durch den ständig drohenden „Schub“ unsicher gehalten werden (vgl. FUCHS 1992: 29ff; KRALER/STACHER 2002: 52). Einzelne Kommunen, wie auch private karitative Vereine, suchten jedoch schon zu dieser Zeit die Unterstützung für Wanderarme an Arbeitsvermittlung zu koppeln.
Auch wenn das „Heimatrecht“ bis 1914 gültig war, kann gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Österreich, unter Eindruck der Einsetzenden Massenmigration, eine Tendenz zur Zentralisierung von früheren Aufgaben der Armenführsorge in staatlicher Hand beobachtet werden (etwa durch die verschiedenen Versicherungsgesetzgebungen ab den 1880er Jahren). Die fortschreitende Zentralisierung staatlicher Regulierung kann aber auch in der Herausbildung nationaler Arbeitsmärkte, bei gleichzeitiger Zurückdrängung der gewerblichen Arbeitsvermittlung zur Kontrolle von Migration, beobachtet werden. Zusammenfassend lässt sich also feststellen: „Im Selben Maße wie der Staat die Kompetenz der Armenfürsorge übernahm, wurden die besitzlosen Lohnarbeiter/innen rechtlich in Staatszugehörige transformiert.“ (FUCHS 1992: 30)

Arbeitskräfte als „Reservearmee“: Migration & Organisierungsfrage

ArbeiterInnen organisierten sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts um Erhöhung des Realeinkommens, Verkürzung der Arbeitszeit, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, das Koalitionsrecht etc. durchzusetzen. „Streiks wurden aber zum unmittelbaren Anlass der Gründung von Gewerkschaften.“ (FUCHS 1992: 40) Mit der Frage der Streiks stellte sich auch die Frage nach dem Streikbruch und damit das Problem des Umgangs mit „überzähligen“ Arbeitskräften. „Von selbst verstand sich, aber, dass wer an einem Ort keine Arbeit fand, ein Recht auf Arbeit an einem anderen Ort habe.“ (FUCHS 1992: 46) Die entstehenden Gewerkschaften entwickelten in der hochmobilen Phase kapitalistischer Expansion zunächst ihr spezifisches Unterstützungswesen etwa in Form von Arbeitslosen- und Wanderkassen, die bei einer Übersättigung des Arbeitsmarkts am Arbeitskräften, eine finanzielle Unterstützung zur Weiterreise leisteten4.
In diese Phase fällt auch der Versuch der vermehrten internationale Zusammenarbeit von Gewerkschaften und Organisationen der ArbeiterInnenbewegung, um sich untereinander koordinieren zu können. So kam es 1864 zur Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), die 1865 ihre Tätigkeit aufnahm, indem sie „Zuzugswarnungen“ ausgab, um ArbeiterInnen von der Arbeitssuche in Regionen, wo gerade gestreikt wurde, abzuhalten, Streiks auch international finanziell zu unterstützen, sowie den Aufbau nationaler Arbeiterbewegungen zu fördern.5
Ab der Einführung des Vereins- und Versammlungsrechts von 1867, insbesondere aber ab Mitte der 1880er Jahre (vgl. JOHN 1996: 108), war auch das Vereinswesen eine wichtige Stütze für das soziale, politische und kulturelle Leben der MigrantInnen in Österreich. Bemerkenswert ist dabei, dass die Vereine sich in vielen Fällen nicht an einzelne Nationalitäten richteten, sondern oftmals als „landsmannschaftliche“ Vereine MigrantInnen aus bestimmten Regionen anzusprechen suchten. In wie weit insbesondere Vereine als „informelle Solidarstrukturen“ dienten, ist in der Forschung umstritten, dass jedoch „informelle Kommunikationsnetzwerke“ zwischen eingewanderten MigrantInnen und deren Ursprungsregionen die Neuzuwanderung, Wohnungs- und Arbeitssuche begünstigten, jedoch anzunehmen (vgl. JOHN 1996: 117).

Nationale Arbeitsmärkte: Zentralisation der Gewerkschaften & Sozialgesetzgebung

Einerseits wurde BürgerInnen durch das Vereinsgesetz von 1867 erlaubt sich Zusammenzuschließen und damit eine wichtige Grundlage für die Etablierung einer rasch wachsenden Gewerkschaftsbewegung, sowie der Sozialdemokratischen Partei bis 1914 geschaffen. Andererseits ermöglichte das Gesetz auch, die sich formierenden Organisationen und Führungspersönlichkeiten der ArbeiterInnenbewegung bzw. der Aktivitäten besser überwachen zu können.6
Neben diesem Spannungsverhältnis war auch innerhalb der Vereine war von Anfang an die Frage nicht unumstritten, wessen Interessen die neuen Institutionen der ArbeiterInnen zu vertreten hätten. Dabei spielten vor allem zwei Diskussionen eine wichtige Rolle: zum einen die Frage nach der Rolle von Frauen in den Organisationen (vgl. MEISSL 1988: 56f).
Mit der schon eingangs kurz ausgeführten „Frauenfrage“ gingen Argumentationsmuster einher, die auch im Bezug auf die Rolle der migrantischen MassenarbeiterInnen vermehrt vorgebracht wurden. Hängt die Diskussion um Migration und Organisierung zunächst stark an dem „Problem“ des Streikbruchs7, ist jedoch zu bemerken, dass es hier zu einer Verschiebung in der Schwerpunktsetzung kommt: von nun an wird Migration immer stärker mit dem „Problem“ der Arbeitslosigkeit gekoppelt.
Diese Verschiebung im Diskurs ist wohl nur in Anbetracht der neuen staatlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu verstehen. Einerseits erwuchs eine steigende Notwendigkeit seitens staatlicher Behörden den Konflikt zwischen Unternehmern und der organisierten ArbeiterInnenbewegung zu entschärfen. Nachdem dies durch bloße Repression in Folge einer wirtschaftlichen Rezession (ab den 1870er Jahren bis 1889 wurde die Organisierungstätigkeit für ArbeiterInnen fast unmöglich) nur unzureichend gelang, vielmehr eine Radikalisierung der Bewegung zur folge hatte, wurde die Frage für die staatliche Seite immer dringlicher. Hinzu kam, dass durch die sozialen Bedingungen, denen die ArbeiterInnen in Österreich unterworfen waren, auch zentrale staatliche Aufgaben nach und nach nicht mehr erfüllt werden konnten. So wird in der Literatur oft darauf verwiesen, dass ein wichtiger Grund für erste sozialgesetzliche Regelungen (Gewerbeinspektion 1883, Gewerbeordnungsnovelle 1885, Krankenversicherung 1888, Unfallversicherung 1889), seitens des Staates war, dass ein Großteil der männlichen Arbeiter – auf Grund ihrer körperlichen Verfassung – für einen Militärdienst nicht mehr verwendbar war.
Ab den 1890er Jahren, kommt es damit, in Zeiten eines erneuten ökonomischen Aufschwungs, zur Lockerung der Repression gegen Organisationen der ArbeiterInnenbewegung. Zum zweiten hatte sich die institutionalisierte ArbeiterInnenbewegung ab Ende der 1880er Jahre, unter Grundlage eines marxistischen Programms, geeinigt (vgl. MEISSL 1988: 55ff).
Schritt für Schritt mit der Herausbildung eines nationalen Arbeitsmarktes, der – zunächst trotz des Widerstandes der UnternehmerInnenverbände – mit dem staatlichen Verbot privater Arbeitsvermittlungsagenturen zu Gunsten zentraler Agenturen einherging, wurden von nun an RepräsentantInnen der ArbeiterInnenbewegung in staatliche Gremien einbezogen, um einen Interessensausgleich zu gewährleisten. Besonders das Thema Arbeitslosigkeit (und die seitens der Gewerkschaften geforderten Sicherungen gegen selbige) wurde in dieser Phase ein wichtiges Themenfeld, indem die Diskussion um den Ausschluss von bestimmten Arbeitskräften vom Arbeitsmarkt eng verbunden auftreten: „Während ausländische Arbeitskräfte für die Unternehmer gerade auch durch ihre Rechtlosigkeit attraktiv waren, wuchs die Opposition des Staates gegen die Ausländerbeschäftigung in dem Maße, als der Staat die Kosten der Erwerbslosigkeit seiner Staatszugehörigkeit trug.“ (FUCHS 1992: 32)
Von der früher eher internationalistischen Ausrichtung der ArbeiterInnenbewegung ist in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unter sozialdemokratischer Führungen immer weniger zu bemerken. Die Einbeziehung in sozialpartnerschaftliche Beziehungen, Protektionismus durch den Staat gegenüber den UnternehmerInnen, sowie die Spannungen der Nationalitätenfragen hinterließen auch hier ihre Spuren, wie auch aus den in der Einleitung zitierten Aussagen von Otto Bauer deutlich wird.
Ein Arbeitslosenversicherungsgesetz wird schließlich erst nach dem Ersten Weltkrieg, der die sozialdemokratische Führung und deren Verhältnis zur Einbindung in den Nationalstaat noch einmal entscheidend prägen sollte, verabschiedet. Hand in Hand damit geht schließlich auch der Ausschluss von ausländischen ArbeiterInnen vom Österreichischen Arbeitsmarkt (vgl. KRALER/STACHER 2002: 53).

Resümee

Es wäre sicher Interessant das Thema dieser Arbeit genauer vor dem Hintergrund der wichtigen Migrationstheorien (Push-Pull Modell, dualer Arbeitsmarkt, Weltsystemtheorie, Netzwerkmigration, Autonomie der Migration, feministische Ansätze usw.) zu analysieren, da mir diese (zumindest Teilweise) auch auf die historische Situation anwendbar zu sein scheinen. Aus Platzgründen war dies im Rahmen dieser Arbeit aber leider nicht zu machen, wenngleich ich versucht habe Verweise auf gewisse Theorien zumindest anzudeuten.
Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass auf Grund der Bedrohungen, die von einer gerade entstehenden, mobilen MassenarbeiterInnenschaft im 19. Jahrhundert ausgehen, seitens der Eliten notwendig wird, umfassende regulatorische Maßnahmen zu treffen. Diese dürfen den sich ausbreitenden Arbeitsmarkt jedoch nicht zu stark einschränken, weswegen durch eine Kombination von Sozialgesetzgebungen in Koppelung mit Arbeitszwang, Beschränkungen am Arbeitsmarkt und der Einbindung eines Teils der ArbeiterInnenschaft in den sich formierenden Nationalstaat geantwortet wird. Diese Entwicklungstendenzen sind alle in dem untersuchten Zeitraum abzulesen, wenngleich sie erst nach dem ersten Weltkrieg (auf Grund der heterogenen Interessenskonstellation der Habsburgermonarchie, sowie der hegemonialen Rolle der sozialdemokratischen ArbeiterInnenbewegung nach dem Krieg) in Österreich ganz umgesetzt werden können. Die Einbindung in den Staat bedingt seitens der sozialdemokratischen Führung der ArbeiterInnenbewegung auch ein Abkommen von einer revolutionären Politik, hin zum Versuch über Reformen Verbesserungen, zumindest für den inländischen Teil der ArbeiterInnen, durchzusetzen – ein historisches Entwicklungsmuster, dass sich bis in das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und MigrantInnen am Arbeitsmarkt heute zieht.
Zum anderen gibt es heute einen Ähnlichen Bruch wie im Untersuchten Zeitraum was das Thema betrifft, gerade vor dem Hintergrund sich ändernder ökonomischer Rahmenbedingungen (Stichworte: Fordismus/Postfordismus), bei einer gleichzeitigen Wandlung der Funktion des Nationalstaates (Stichworte: Sozialstaat/Wettbewerbs- & Sicherheitsstaat), wie sie auch einige neuere Ansätze in der Migrationsforschung betonen.

Literatur

BOTZ Gerhard, OXAAL Ivar, POLLAK Michael, SCHOLZ Nina (Hg.). 2002. Eine Zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert. Wien: Czernin Verlag
FUCHS Brigitte. 1992. Nationale Märkte, internationale Migrationen und internationale Sozialdemokratie: zur „Frage der Ein- und Auswanderung“ zur Zeit der Ersten und Zweiten Internationale (1864-1918). Universität Wien: Diplomarbeit.
GALANDAUER Jan. 1987. Ideologisch-politische Reflexionen der Einwanderung tschechischer Arbeiter nach Nordböhmen in Österreich-Ungarn. In: Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (Hg.). 22. Linzer Konferenz 1986. Arbeitsmigration und Arbeiterbewegung als Historisches Problem. Wien: Europaverlag Wien
JOHN Michael. 1996. Organisationsformen der Wanderminoritäten: Österreich 1867-1925. In: GROPPO Bruno, SCHINDLER Christine (Hg.). Arbeiterbewegung und Migration. Wien: Calenberg Press.
KLENNER Fritz. o. A.. Die Österreichischen Gewerkschaften bis 1928. Wien: Verlag des ÖGB.
KNAPIć-KRHEN. 1987. Die Arbeitermigration und ihr Einfluss auf die Verbreitung der sozialistischen Idee in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (Hg.). 22. Linzer Konferenz 1986. Arbeitsmigration und Arbeiterbewegung als Historisches Problem. Wien: Europaverlag Wien
KRALER Albert / STACHER Irene. 2002. Austria – Migration and Asylum Patterns and Policies in the 19th and 20th Century. In: Historische Sozialkunde. Internationale Migration. Sondernummer 2002. Wien: o. A.
LENGER Friedrich. 1987. Migration und Arbeiterbewegung: Erklärungsansätze und methodische Probleme (an Beispielen aus der europäischen und nordamerikanischen Forschung zum 19. Jahrhundert). In: Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (Hg.). 22. Linzer Konferenz 1986. Arbeitsmigration und Arbeiterbewegung als Historisches Problem. Wien: Europaverlag Wien
LUCASSEN Jan. 1987. Migratory Labour and the Defence of Labour Intrests: Experiences in Pretwentieth Century Europe. In: Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (Hg.). 22. Linzer Konferenz 1986. Arbeitsmigration und Arbeiterbewegung als Historisches Problem. Wien: Europaverlag Wien
MADERTHANER Wolfgang. 1988. Die Entwicklung der Organisationsstruktur der deutschen Sozialdemokratie in Österreich 1889 bis 1913. In: MADERTHANER Wolfgang (Hg.). Sozialdemokratie und Habsburgerstaat. Wien: Löcker Verlag
MEISSL Gerhard. 1988. Gewerkschaft und industriellen Arbeitsbeziehungen 1889-1914. In: MADERTHANER Wolfgang (Hg.). Sozialdemokratie und Habsburgerstaat. Wien: Löcker Verlag
ROZENBLIT Marsha L.. 2002. Segregation, Anpassung und Identitäten der Wiener Juden vor und nach dem Ersten Weltkrieg. In: BOTZ Gerhard, OXAAL Ivar, POLLAK Michael, SCHOLZ Nina (Hg.). Eine Zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert. Wien: Czernin Verlag
SILVER Beverly J.. 2005. Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870. Hamburg: Assoziation A
WISTRICH Robert S.. 2002. Sozialdemokratie, Antisemitismus und die Wiener Juden. In: BOTZ Gerhard, OXAAL Ivar, POLLAK Michael, SCHOLZ Nina (Hg.). Eine Zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert. Wien: Czernin Verlag

Seminararbeit im Rahmen der »Arbeitsgemeinschaft Internationale Migration«, Projekt Internationale Entwicklung an der Universität Wien, im Sommersemester 2007 bei Mag. Veronika Bilger.

Rainer Hackauf

Rainer Hackauf

…ist basisgewerkschaftlich und antirassistisch aktiv. Er ist Mitglied im Verband zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender (www.undok.at). […]

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